Im Gespräch mit Claudia Henrichs für ihren Podcast „PFLEGE ambulant” bin ich gefragt worden, was eigentlich in unseren neuronalen Netzwerken passiert, wenn wir uns mitten in einer Krise auf das Stärkende konzentrieren statt auf das Schreckliche. Die Frage trifft den Kern dessen, womit Sie in der ambulanten Pflege täglich umgehen: mit Belastungsspitzen, mit Personalknappheit, mit dem Druck, der von der ersten Tour bis zur letzten Dokumentation nicht nachlässt. Wer hier Menschen führt, führt sie durch genau die Bedingungen, unter denen das Gehirn entweder zu Höchstform aufläuft oder in die Knie geht. Welche der beiden Richtungen es nimmt, ist erstaunlich gut erforscht.
Stresshormone sind nicht der Feind
Das Stresshormon Cortisol hat ein schlechtes Image, und es trägt es zu Unrecht. Seine Aufgabe ist es nicht, uns zu schaden, sondern uns Energie bereitzustellen: Es mobilisiert in einer fordernden Situation die letzten Reserven aus den Akkus unserer Zellen, damit wir handeln können. Ich vergleiche Cortisol gern mit einem Energydrink des Hormonsystems. Eine Dose verleiht Flügel, das gilt nicht nur für eine bestimmte Marke, und ein wenig davon aktiviert uns durchaus und schärft die Aufmerksamkeit. Im Tiermodell lässt sich sogar zeigen, dass kurzer, einmaliger Stress die Bildung neuer Nervenzellen im Hippocampus von Ratten anregt und sie zwei Wochen später besser lernen lässt (Kirby und Kollegen, 2013). Das ist ein Befund aus dem Labor, nicht eins zu eins auf den Menschen übertragbar, aber er macht das Grundprinzip anschaulich: Eine begrenzte Belastung ist nicht der Gegner, sondern ein Anstoß. Das Problem beginnt erst bei der Dosis. Wer jeden Tag fünf Energydrinks trinkt, weiß selbst, dass das nicht gesund ist, und mit den Stresshormonen verhält es sich genauso. Cortisol ist für den zeitlich begrenzten Einsatz gedacht, für die Gefahr, die kommt und wieder geht. Bleibt die Belastung dauerhaft, läuft im Körper über Stunden und Tage viel zu viel davon, und dann kippt die Wirkung ins Toxische.
Warum Dauerstress ein Stück weit dumm macht
Das ist der unbequeme Befund, den wir heute gesichert sagen können: Unter Dauerstress werden wir nicht klüger, sondern verlieren genau jene Fähigkeiten, die wir zur Bewältigung einer Krise am dringendsten bräuchten. Verantwortlich dafür ist das Frontalhirn, der Sitz des rationalen Denkens. Hier setzen wir uns Ziele, entwickeln Strategien, um sie zu erreichen, und betreiben eine Art inneres Controlling: Bin ich noch auf dem richtigen Weg, muss ich nachsteuern? All das funktioniert nur in einem mittleren Erregungsniveau. Steigt die Erregung über diesen Bereich hinaus, geht das Stirnhirn gleichsam in die Grätsche, denn es ist evolutionär nicht dafür gebaut, bei akuter Übererregung zu arbeiten. Bei echter Gefahr ist das sinnvoll: Vor dem Tiger müssen wir auf den Baum fliehen, nicht erst eine Lagebesprechung abhalten. Im Pflegealltag, der Wochen und Monate unter Druck steht, ist es ein Verhängnis, denn die Gefahr verschwindet nicht, und das Denkorgan bleibt abgeschaltet.
Wenn das Frontalhirn aussteigt, übernehmen die stabileren Strukturen tief unter der Motorhaube, die wir mit allen Säugetieren teilen. Die Basalganglien etwa kodieren unsere eingeschliffenen Routinen, das, was wir schon immer so gemacht haben. Unter Stress fallen wir besonders zuverlässig in diese alten Rillen zurück. An den Routinen selbst ist nichts verkehrt. Heikel wird es erst, wenn die Welt sich verändert hat und die Erfolgsrezepte von gestern nicht mehr passen. Es ist ein bisschen so, als hätte man vierzig Jahre lang mit Gangschaltung gefahren und säße nun zum ersten Mal in einem Automatikfahrzeug: Man greift unwillkürlich nach einer Kupplung, die es nicht mehr gibt, und muss sich hochkonzentrieren, um die gewohnte Bewegung zu unterdrücken. Genau diese Fähigkeit, das alte Muster zu unterbrechen, fällt unter Stress weg.
Das Selbstwertkonto und seine überraschende Wirkung auf die Gesundheit
Es gibt allerdings eine Gegenkraft, und sie ist greifbarer, als man meint. Claudia Henrichs hat im Gespräch von einem „Selbstwertkonto” gesprochen, und das Bild trifft die Sache gut. Auf dieses Konto zahlt alles ein, was unser Selbstwertempfinden stärkt: dass wir am Abend einmal innehalten und uns ansehen, was wir gut gemacht haben und worauf wir stolz sein dürfen; dass wir Menschen um uns haben, die wertschätzend zurückspiegeln, was wir für sie getan haben, und Dankbarkeit äußern. Das klingt nach einer netten Selbstfürsorge-Geste, ist aber weit mehr. Wie eng Selbstwert und Gesundheit zusammenhängen, zeigt eine der breitesten Auswertungen, die es dazu gibt: Ethan Zell und Kollegen haben 40 Meta-Analysen mit über 2.000 Einzelstudien und mehr als einer Million Menschen zusammengeführt. Über alle Befunde hinweg geht ein höheres Selbstwertgefühl mit besserer Gesundheit und besserem Wohlbefinden einher, mit einer Korrelation von r = 0,31, was in dieser Forschung als robuster Zusammenhang gilt. Am stärksten zeigt er sich bei der psychischen Gesundheit (r = 0,42), schwächer, aber noch vorhanden bei der rein körperlichen (r = 0,15). Bemerkenswert daran ist, dass das Selbstwertgefühl damit in einer Liga spielt mit Faktoren, denen man weit mehr zutraut, etwa der wahrgenommenen Kontrolle über das eigene Leben oder der sozialen Unterstützung. Genau das hat mich am meisten überrascht.
Warum das biologisch Sinn ergibt, lässt sich nachvollziehen. Wer ein stabiles Selbstwertgefühl mitbringt, trägt auch in der unsicheren Lage das Vertrauen in sich, schon irgendwie weiterzukommen. Er neigt sehr viel weniger zu dem, was Psychologen externe Ursachenzuschreibung nennen: die anderen sind schuld, der Chef, die Kundschaft, die Angehörigen. Diese Schleife ist gerade für die Betroffenen ein gewaltiger Energieräuber, denn sie führt geradewegs in die Ohnmacht, in die selbst erlernte Hilflosigkeit. Wichtig ist mir dabei: Selbstwertgefühl ist nicht wie die Augenfarbe etwas, das man hat oder nicht hat. Hier ist sehr vieles erlernbar, und das macht die Arbeit am Selbstwert zu einer schützenden Tätigkeit, die sich lohnt.
Worauf das Gehirn den Fokus richtet, das verstärkt es
Hier kommt die zweischneidige Eigenschaft des Gehirns ins Spiel, die Neuroplastizität: Das Gehirn verändert sich ein Leben lang mit der Erfahrung. Das ist die gute Nachricht, und es ist zugleich die dunkle Seite dieser tollen Eigenschaft. Denn wenn ich mich über Jahre darauf eintrainiere, immer auf das Negative zu fokussieren, dann verstärkt sich auch das. Ich nehme die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können, immer weniger wahr, bis ich am Ende glaube, dass es ohnehin egal ist, was ich tue. Das ist genau jenes Muster, das der Psychologe Martin Seligman vor einigen Jahrzehnten als erlernte Hilflosigkeit beschrieben hat und das als lerntheoretisches Modell der Depression gilt.
Welche Richtung wir einschlagen, hängt davon ab, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken, und dieser Punkt ist für die Führung in der Pflege der praktisch entscheidende. Ein Beispiel aus der Coronazeit hat mir das vor Augen geführt. In stationären Pflegeheimen wurde damals in den Medien immer wieder gesagt, die Bewohner litten entsetzlich unter der Isolation. Wer diesen Fokus auf das Leid übernimmt, aktiviert im Gehirn den Abwehr- und Gefahrenmodus und gerät in die Druckstellung, in der das Frontalhirn schlechter arbeitet. Andere Teams haben dieselbe Lage anders gerahmt: Sie haben erzählt, dass sie über Videotelefonie und gemeinsame Beschäftigung viel getan hätten und dass sie, weil die Angehörigen fernbleiben mussten, sogar mehr Zeit für die Bewohner gehabt hätten. Wer so denkt, ist in der Annäherungsmotivation. Er sieht das Positive und vor allem das, was er selbst tun kann, und damit sind im Gehirn die Handlungsareale angesprochen: Ich überlege bereits, was ich als Nächstes tun kann, um die Situation ein Stück besser unter Kontrolle zu bekommen. Beide Sichtweisen waren wahr. Aber die zweite arbeitet mit der Biologie, die erste gegen sie.
Bis zur Pseudodemenz, und wieder zurück
Wie ernst die Sache werden kann, zeigt sich an einer Hirnregion, die für unser Gedächtnis besonders wichtig ist, dem Hippocampus. Er reagiert empfindlich auf zu viel Cortisol, und bei lang anhaltender starker Belastung kommt es dort zu einem messbaren Abbau von Verbindungen und sogar zu einer Reduktion des Volumens. Man kennt das aus dem Umfeld: Wenn jemand zu lange zu stark unter Stress gestanden hat und ein gewisses Alter erreicht, wird in der Umgebung schon gemunkelt, ob es eine frühe Form einer demenziellen Erkrankung sei. Oft handelt es sich tatsächlich nur um eine stressbedingte Pseudodemenz, weil schlicht Volumen reduziert worden ist.
Das tröstliche Ende dieser Geschichte gehört unbedingt dazu, und es ist der eigentliche Grund, warum ich sie überhaupt erzähle. Vieles davon ist umkehrbar. Im Tiermodell sind die stressbedingten Umbauten am Hippocampus überwiegend vorübergehend und bilden sich nach ausreichenden Erholungsphasen wieder zurück (Lucassen und Kollegen, 2006). Beim Menschen ist das Bild heterogener, aber es gibt deutliche Hinweise in dieselbe Richtung: In einer Untersuchung an Veteranen war das Hippocampus-Volumen nur bei akut anhaltenden, nicht aber bei abgeklungenen Belastungssymptomen verringert, was sich am ehesten so deuten lässt, dass sich das Volumen mit der Erholung wieder erfängt (Apfel und Kollegen, 2011). Sobald ich in ein anderes Fahrwasser komme, sobald Erholung und stärkende Gedanken wieder ihren Platz haben, kann sich erneut bilden, was unter Dauerlast geschwunden war. Die Neuroplastizität ist also kein Einbahnweg nach unten. Sie ist genau das Werkzeug, mit dem Erholung wieder aufbaut.
Für die Leitung eines Pflegeteams hat das eine sehr konkrete Konsequenz. Es liegt mehr in Ihrer Hand, als die schiere Belastung vermuten lässt. Wo Sie Sicherheit geben, wo Sie das Erregungsniveau Ihrer Mitarbeitenden so weit herunterfahren, dass deren Frontalhirn wieder denken darf, wo Sie auf das Selbstwertkonto einzahlen und den Blick auf das lenken, was sich tun lässt: dort schützen Sie die Leistungsfähigkeit und die Gesundheit Ihres Teams im biologischen Wortsinn, und die Stimmung kommt dann ohnehin mit. Das ganze Gespräch mit Claudia Henrichs können Sie im Video oben ansehen.