Wenn die Wirtschaft sich an die Wissenschaft wendet, sucht sie meist das Falsche: die eine eindeutige Lösung, das verlässliche „So wird es gemacht”. In meinem Gespräch mit der Mathematikerin und Physikerin Monika Herbstrith-Lappe ist deutlich geworden, dass gerade die strengsten Disziplinen das Gegenteil lehren. Sie sind eine Schule des Denkens jenseits von Entweder-oder.
Die Annahme hinter der Annahme
Mathematik und Physik gelten als das reine Licht der klaren Vernunft. Tatsächlich aber ruhen auch sie auf Annahmen, und ihre größten Fortschritte beginnen dort, wo jemand eine scheinbar selbstverständliche Annahme aufgibt. Das berühmteste Beispiel ist die spezielle Relativitätstheorie. Über Jahrzehnte bissen sich die besten Köpfe an einem Messergebnis die Zähne aus, das partout nicht zur Erwartung passen wollte. Die Lösung lag nicht in komplizierterer Mathematik, sondern in einer einzigen, fast philosophischen Frage: Was, wenn die Zeit nicht für alle dieselbe ist? Einstein traute sich, an der vermeintlich festen Größe der absoluten Zeit zu rütteln, wo andere lieber an immer feineren Rechnungen festhielten. Geöffnet hat die Physik also ein Perspektivwechsel, und gerade keine raffiniertere Rechnung.
Sowohl als auch statt entweder oder
Diese Haltung zieht sich durch die ganze Physik. Licht zeigt sich mal als Welle, mal als Teilchen, und der reife Umgang damit besteht nicht darin, sich für eine Seite zu entscheiden, sondern die Widersprüchlichkeit auszuhalten und produktiv zu machen. Diese Kompetenz brauchen wir heute überall. Vieles, was unter Begriffen wie Agilität, Selbstorganisation oder dialektischem Denken kursiert, beschreibt dieselbe Fähigkeit, mit Mehrdeutigkeit umzugehen, statt sie vorschnell aufzulösen. Eine Kultur, die nur Richtig oder Falsch, Stärke oder Schwäche, wichtig oder unwichtig kennt, wird damit nicht zurechtkommen. Wir brauchen das anti-dichotomische Denken, das die Naturwissenschaft so beiläufig einübt, weil ihre Gegenstände sich der einfachen Sortierung entziehen. So wird verständlich, warum ich es seit Jahren auf eine Formel bringe: Science is a blueprint for future learning.
Die Grenzen der Analyse
Wissenschaftliches Denken heißt zugleich, die Grenzen des eigenen Erkennens mitzudenken. Ein schönes Bild dafür ist die Steilküste: Wer sie nur in ihre Bestandteile zerlegt, in Sandkörner, Mineralien, chemische Zusammensetzung, versteht ihre Form gerade nicht. Verstehen kann ich sie erst, wenn ich sie mit den Gezeiten, dem Wetter und der Zeit in Beziehung setze. Dinge in Beziehung zu setzen, statt sie immer weiter auseinanderzubrechen, ist die eigentliche Denkleistung. Dasselbe begegnet mir in meinem eigenen Feld als das berühmte Qualia-Problem. Ich kann zwei Menschen, die in eine Orange beißen, in den Hirnscanner legen und ihre neuronalen Muster aufzeichnen, und doch sagt mir keine dieser Analysen, wie die Orange für den einen und für die andere tatsächlich schmeckt. Das subjektive Erleben entzieht sich der reinen Zerlegung.
Geschichten als Brücke zwischen den Welten
Wo Wellen und Teilchen, Zahlen und Bedeutung aufeinandertreffen, entsteht Kreativität, und oft auch Humor, jener Nährboden für Innovation. Eine Brücke zwischen diesen Welten sind Geschichten. Das ist keine bloße Vermutung mehr. Die Arbeitsgruppe um den Princeton-Neurowissenschaftler Uri Hasson zeichnet auf, was in verschiedenen Gehirnen geschieht, während Menschen dieselbe Geschichte hören, und findet etwas Bemerkenswertes: Das Gehirn der Zuhörenden gerät mit dem der erzählenden Person in eine Gleichschwingung, und je stärker diese Kopplung ausfällt, desto besser verstehen die Zuhörenden die Geschichte (Stephens, Silbert & Hasson, PNAS 2010). Gute Geschichten laden besonders stark zum Perspektivwechsel ein, sie wecken die Bereitschaft, sich in eine fremde Lage zu versetzen, und ihre Signatur lässt sich von der schwächerer Botschaften unterscheiden.
Verunsichern als Auftrag
All das hat eine unbequeme Konsequenz für die Beratung. Unsere Aufgabe ist nicht, der Wirtschaft die ersehnte Sicherheit der einen Lösung zu liefern. Im Gegenteil: Wir sind eher eine Verunsicherungsbranche, deren Wert darin liegt, festgefügte Weltbilder behutsam zu erschüttern und dadurch wieder Beweglichkeit zu schaffen. Wer eigene Grundannahmen hinterfragen kann, wer das Gestörtwerden zulässt, gewinnt die Flexibilität zurück, die starre Gewissheit ihm genommen hat. Mathematik und Physik sind dafür ein überraschend guter Lehrmeister, weil sie diese Beweglichkeit am exaktesten Material vorführen, das wir kennen. Das ganze Gespräch finden Sie im Video oben.