Kutscher, Telegrafenoperator, Lampenanzünder, Flickschuster, Leinenweber, Aufzugführer: Berufe, die Sie heute in keiner Stellenbörse mehr finden. Die naheliegende Frage lautet, ob die Trainerin und der Trainer demnächst in dieselbe Liste rutschen. Schließlich wird das informelle Lernen immer wichtiger, und die Künstliche Intelligenz sorgt verstärkt dafür, dass Lernende sich im „Moment of Need” genau das ziehen können, was sie gerade brauchen. Vielleicht reicht das ja. Oder eben nicht.
Das Lob auf die Bewegung, dann der Mythos
Zunächst das Erfreuliche: Das Learning & Development steckt in einem massiven Wandel, und das tut der Branche gut. Wir bewegen uns weg von der Vorstellung, Lernen finde irgendwie im Seminarraum statt oder in anderen abgekapselten Einheiten. Unsere Rolle verschiebt sich dort, wo wir sie haben, mehr und mehr in Richtung Facilitation, und über Technologien wie die KI oder Augmented-Reality-Brillen wird Wissen tatsächlich im Moment seines Bedarfs verfügbar. Wer das Reparaturwissen für eine Maschine nur alle paar Jahre braucht, muss es nicht mehr vorrätig im Kopf halten: Es wird ihm eingeblendet, wenn er davorsteht.
An dieser Stelle taucht regelmäßig eine Zahl auf, die als Beleg für die Nebensächlichkeit des formellen Lernens herhalten muss: die berühmte 70:20:10-Regel. 70 Prozent des Lernens, so die Lesart, erfolge „on the job” beim Lösen schwieriger Probleme, 20 Prozent durch den Austausch mit Kolleginnen, Vorgesetzten und Kunden, und nur magere 10 Prozent durch formelles Lernen. Zu dieser Regel muss man sachlich klar sagen: Sie ist ein Mythos. Populär gemacht haben sie Eichinger und Lombardo 1996 in ihrem „Career Architect Development Planner”; die Datengrundlage war eine Kohorte sehr effizienter Führungskräfte, also denkbar weit weg von der Grundgesamtheit aller Lernenden, und sie hat verschiedenste Schwächen.
Selbst wenn man die 10 Prozent für bare Münze nähme, kippt das Argument ins Gegenteil. Man rechne es einmal nüchtern durch: Bei rund 230 Arbeitstagen im Jahr wären 10 Prozent ganze 23 Seminartage. Jede Weiterbildnerin in diesem Land bekäme Freudentränen, wenn das die Realität wäre. Es passiert nicht. Die kleine Zahl wird also als Argument benutzt, das formelle Lernen sei ohnehin unwichtig, während 10 Prozent in Wahrheit ein unerreichter Traumwert wären.
Warum die Maschine den Menschen nicht ersetzt: zwei Gründe
Damit zur eigentlich praktisch relevanten Frage: Brauchen wir überhaupt noch das klassische Training, in dem jemand für ein bestimmtes Lernziel ein Lerndesign entwickelt und Menschen im Fachlichen wie im Überfachlichen von A nach B bringt?
Der erste Grund spricht aus den Daten der freien Online-Kurse. Seit Jahren stehen unzählige hervorragende Micro-Degree-Angebote bereit, bei edX, Udemy, Udacity oder Coursera, zum Teil von didaktisch brillanten Professorinnen einer Ivy-League-Universität. Und doch verzeichneten diese Kurse Abbrecherquoten von bis zu 90 Prozent. Der Grund: Menschen sind nicht dafür gemacht, allein vor dem Rechner Videos schauend, mitschreibend und PDFs anstreichend zu lernen. Es braucht den Austausch, gleich ob über E-Learning oder im Präsenzlernen. Das ist kein didaktischer Geschmack, sondern eine biologische Tatsache des sozialen Gehirns, das seine stärksten Lernimpulse aus der Resonanz mit anderen zieht.
Der zweite Grund ist der wichtigere, und ich kleide ihn in eine kleine Geschichte. Stellen Sie sich vor, Sie liegen in der OP-Vorbereitung, der Zugang am Arm ist gelegt, und der Anästhesist stellt Ihnen die Chirurgin vor. Das sei Frau Meer, sagt er, die erste Chirurgin, die Medizin und ihren Facharzt komplett im selbstorganisierten „Pull”-Verfahren erworben habe. Sie hat von der Medizin und den Operationstechniken genau die Dinge zur Kenntnis genommen, die ihr persönlich wichtig erschienen, und sich so ganz nach eigenem Gusto durch das Studium gezogen. Ich vermute, in dem Moment, in dem Sie diese Auskunft begriffen haben, finden Sie sich im Flügelhemdchen auf dem Parkplatz wieder, den Schlauch noch im Arm. So schnell können Sie gar nicht davonlaufen.
Überall dort, wo es wirklich darauf ankommt, ist ein Grundstock an gemeinsamer Qualifikation unverzichtbar. Bei einer Pilotenausbildung, bei ärztlichen Themen, im Maschinenbau ist es selbstverständlich, dass ich ein gesichertes Fundament an Wissen brauche. Ich frage mich daher manchmal, wie wichtig die Propagandisten des reinen „Alles nur noch selbstorganisiert” eigentlich das nehmen, was da gelernt werden soll. Ist es entbehrlich, dann mag es jeder Erwachsene unreguliert für sich aneignen. Sobald es zählt, wird es absurd.
Das Anknüpfungsprinzip: warum es ohne Fundament kein Pull gibt
Dahinter steht der banalste, sicherste Transfer aus den Neurowissenschaften, das Anknüpfungsprinzip. Es hat zwei Wurzeln. Die Lernpsychologie hat es längst auf den Punkt gebracht: David Ausubel stellte seiner kognitiven Lerntheorie 1968 den Satz voran, der wichtigste einzelne Faktor für das Lernen sei, was der Lernende bereits weiß; man solle dies ermitteln und entsprechend lehren. Neuroplastizität wiederum erklärt die zelluläre Seite, warum Wiederholung und gemeinsame Aktivierung Verbindungen stärken; gemeinsam feuernde Neurone verschalten sich (Hebb 1949). Beide treffen sich in einer Aussage: Anschlussfähig ist nur, was im Kopf ein Raster vorfindet, an dem es andocken kann. Wer ohne Vorwissen ein paar Formeln aus der Quantenphysik liest, mag die schönste Formelsammlung vor sich haben, sie greift ins Leere, weil es kein Raster gibt, an das sie anknüpfen könnte. Ich brauche also zuerst eine Person, die mir Fundamente legt, ehe ich anfangen kann, selbstorganisiert zu lernen.
Daraus folgt die Pointe: Das selbstorganisierte „Pull”-Lernen, das die KI so machtvoll befeuert, setzt ein „Push” voraus, das ihm überhaupt erst das Gerüst gibt. Beide gehören zusammen wie das Fundament und das Haus, das darauf wächst. Wenn man Menschen suggeriert, das Training brauche es nicht mehr, sie holten sich als Erwachsene schon alles selbst, dann dürfte das Gegenteil eintreten: Es wird einen Ruf nach professionell erstelltem Lerndesign geben, das Orientierung stiftet, und zwar nicht nur im Seminarraum, sondern begleitend über die elektronischen Medien, über die ich heute eine Firma jahrelang ohne mein Büro zu verlassen begleiten kann.
Gerade im Bereich der Metakompetenzen und in den wissensintensiven Feldern brauchen wir daher eher mehr Training als weniger. Für uns als Learning-&-Development-Profis bedeutet die professionelle Begleitung dieses musterbrechenden Übergangs eher mehr Arbeit als weniger, und damit eine sicherere Existenzberechtigung als je zuvor. Die ausgestorbenen Berufe vom Anfang teilen ein Merkmal: Niemand hat sie mehr gebraucht. Die Aufgabe, Menschen ein tragfähiges Fundament zu legen, gehört nicht dazu.
Wie sich Push und Pull konkret austarieren lassen, führe ich im Brain Nugget oben aus.